One Way Ticket, Nummer Zwei

Istanbul

Meine Zeit in Istanbul ist vorbei. Letzten Freitag um 10.40 startete mein Flieger in Richtung Düsseldorf. Hinter mir lagen zwei oder drei Tage voller Abschiede, mein Leben in einem 33kg-Koffer, eine durchfeierte Nacht, eine tränenreiche Taxifahrt. Auf meinem Sitz dann angeschnallt zur Startbahn rollend dann unweigerlich Recap. Allein der Gedanke an diesen Moment treibt mir wieder das Wasser in die Augen.

Die definitiv bisher intensivste Episode meines Lebens is jetzt passé und ich bin wirklich dankbar für meine Erfahrungen in Istanbul. Ich habe grandiose Menschen kennengelernt und ins Herz geschlossen und in Vildans Wohnung ein Zuhause gefunden. Das was ich fühle ist definitiv mehr als Melancholie, und das wird schätzungsweise auch noch einige Zeit so bleiben.

Trotzdem freue ich mich auch auf das, was kommt. Meine Zukunftspläne sind noch so unkonkret, aber ich habe viele Ideen, was ich gerne noch machen möchte. Istanbul hat mein Fernweh definitiv wachgerüttelt. Daher wird dieser Blog auch weiterhin bestehen bleiben. Erstmal muss noch einiges an Istanbul-Inhalt abgearbeitet werden, wenn ich nach sehr erlebnis- und emotionsreichen Wochen jetzt die Zeit dazu finde. (Ich hatte nach den Finals nämlich auch noch einmal Besuch <3.) Und ich freue mich natürlich auch auf das Wiedersehen mit meinen Lieblingsmenschen aus Istanbul. Eine Ausnahme ist da Charlotte, die mich am Freitag direkt am Airport in Düsseldorf abgeholt hat. Sonntag sind wir dann ziemlich spontan gemeinsam in den Urlaub nach Sylt gefahren. Ja, alle die uns kennengelernt haben, dürfen jetzt lachen. Strongest Erasmus-Couple ever, haha. Somit  freue ich mich gerade am meisten auf das Wiedersehen mit Istanbul, meinem Zuhause 5000km entfernt meiner Heimat. Hoşça kal, my dear.

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Sechster September

Istanbul

Es ist der Samstagmorgen nach den Finals, und ich sitze in meinem Zimmer hier in Mecidiyeköy, Fenster offen, Sonnenschein, höre die Möwen gackern, Geräusche von der Straße und hin und wieder Menschen sprechen. Dazu ein frisch gebrühter Kaffee, europäische Art. Mein Studium hier ist nun offiziell vorbei und es beginnt die Zeit des Abschiedsnehmens von Istanbul. Ich habe ewig gehadert mit diesem Blogpost, einerseits, weil ich noch nicht Abschied nehmen wollte und andererseits, weil er sehr persönlich ist – für mich jedenfalls. Ich habe noch so viele Ideen für Blogposts, schon einige Entwürfe fertig, aber manchmal brauchen diese einfach den richtigen Zeitpunkt, um veröffentlicht zu werden. Und das fühlt sich jetzt gerade richtig an.

Ich schaute letztens durch die Fotos, die auf meinem iPhone gespeichert sind, da ich es für die bessere Alternative zum Lernen hielt. Bis ich irgendwann zu dem Foto vom 6. September 2015 kam – das Foto, das in Düsseldorf am Flughafen entstand. Dort, wo mein Abenteuer Istanbul begann, mit einigen Tränen in den Augen, aber auch ganz viel Vorfreude. Knapp ein Jahr in einer Stadt, die ich nie zuvor gesehen hatte, aber für ganz viel Chaos bekannt war. Ich hätte nie gedacht, dass ich solch eine Entscheidung treffen würde. Ein Glück, dass Istanbul so gut zu mir war und diese Entscheidung bisher eine der besten in meinem Leben ist. Eine, die mich von dem Menschen entfernt hat, die ich auf dem Foto vom letzten September war.

Istanbul hat mir viel beigebracht. Jetzt würde ich meine Zeit hier weniger ein Abenteuer nennen, sondern eher eine Lektion – und das meine ich ohne jede mögliche negative Konnotation. Ich habe gelernt, wie ich riesige Kreuzungen mit chaotischem Verkehr am schnellsten sicher überquere. Und wie ich mich am schnellsten durch große Menschenmengen bewege (Stichwort: Istiklal). Mit 10l-Wasserfässern kleine Flaschen (500ml) zu befüllen. Wie ich mit einer Caffettiera Kaffee koche. Und Tee mit einem Teekessel. Ich habe gelernt, mir keine Gedanken um meine Ernährung zu machen, sondern einfach zu genießen. Ich habe Tavla spielen gelernt. Ich habe einiges über Finanzkrisen gelernt, über die Weltwirtschaft und Ungerechtigkeit. Ich habe immer wieder gelernt, Abschied zu nehmen. Ich kann jetzt Verantwortung für mich selbst übernehmen. Sorgsam sein. Ich bin sehr viel gelassener geworden. Und kann kleine Krisen selbst überwinden. Ich habe ein wenig Smalltalken gelernt, dennoch ist da immer noch genug Luft nach oben. Ich habe gelernt, Dinge ernst zu nehmen – und andere ein wenig lockerer zu sehen. Ich habe gelernt, alleine zu sein. Ich weiß nun, was richtig gute Freundschaft bedeutet! Und dass diese manchmal schwieriger ist als jede andere Art der Beziehung. Aber vor allem habe ich in Istanbul eines gelernt: Ich bin okay, so wie ich bin.

Studieren in der Türkei – ein Vergleich

Istanbul

Der Hauptgrund für meinen Istanbulaufenthalt ist natürlich mein Studium an der Istanbul Üniversitesi. Die Sache ist eben, dass ich darüber noch nicht besonders viele Worte darüber verloren habe. Anfangs bedeutete Uni mit allen Angelegenheiten nämlich nur eins: Stress. Und dann wurde es irgendwann normal. Bis ich jetzt realisieren muss, dass dieser Normalstatus nur noch 4 Wochen für mich gilt. Und er sich von meinem Alltag in Bielefeld in doch einigen Punkten unterscheidet.

Generell studiere ich recht ähnliche Fächer in beiden Städten: International Studies in Management in Bielefeld, und Business Administration in Istanbul. Beides würde ich kurz und knapp mit „BWL auf Englisch“ übersetzen. Stimmt so natürlich nicht hundertprozentig, aber so bekommt man wenigstens eine passende Vorstellung von dem, was ich überhaupt mache.

Bewegtes Bild

Istanbul

Midterm-Klausuren abgehakt. Auch wenn es dieses Mal nicht ganz so gut lief, bin ich ziemlich zufrieden. Ich hatte nur zwei Tage Stress während der Lernphase, was echt ein riesiger Fortschritt ist, wenn ich an die letzten beiden Klausurphasen denke. Aber das gute Wetter muss ja auch angemessen genossen werden und somit war ich einen Nachmittag auf dem Hauptcampus der Bilgi-Universität, in dessen Bibliothek meine Mitbewohnerin ein paar ihrer Fotografien ausgestellt hat. (Instagram: @______bleu) Und da es dort, am Ende des Goldenen Horns, so schön ist, habe ich dort noch einige Zeit in der Sonne verbracht, gelesen und einfach das Wetter genossen.

Ja, das ist nicht superspannend, ich weiß, aber ich habe über den Tag ein paar Videosequenzen aufgenommen, und das dann mit bisschen Musik hinterlegt und daraus ein ziemlich umprofessionelles Video zusammengeschnitten. Aber es zeigt Istanbul und vor allem auch irgendwie mein Leben hier. Deshalb könnt ihr es euch jetzt nachfolgend anschauen:

Endlich angekommen

Istanbul

Istanbul ist sonnig, aber kalt, das türkische Essen immer noch zu fettig und die Straßen immer noch dreckig – und manchmal auch abschnittweise nass, obwohl es tagelang nicht geregnet hat – und ich bin einfach nur unfassbar glücklich. Und es kam schleichend, aber ist offensichtlicher denn je: Ich möchte hier nicht weg. Ich fühle mich das erste Mal an einem Ort auf diesem Planeten so wohl, dass ich ihn ab sofort Zuhause nenne.

Ich kann es mir einfach nicht mehr vorstellen, nach Bielefeld zurückzukehren. Ich kann hier auch Sonntags einkaufen, gegenüber in den Supermarkt springen, wenn mir das Wasser ausgeht, kurz ins Fitnessstudio, mich trotz drohendem monatlichen Bankrott immer noch mit Freunden zum Essen verabreden, oder noch besser: Kahvalti, also türkischem Frühstück. Abends reicht dann auch ein Cig Köfte-Dürüm. Oder ich gehe einfach spontan abends aus. Weil ich es einfach machen kann. Ab 12 Uhr fährt keine Metro mehr, aber interessiert mich nicht, Taxi ist unfassbar günstig. 10 Lira, Taksim, Mecidiyeköy. Ich kann einfach neue Ecken der Stadt entdecken, oder für ein paar Cents zu den Prinzeninseln schippern. Oder den Bosporus auf und ab. Dabei Cay. Oder Kahve. Oder ich schau mir den Sonnenuntergang an. Am schönsten war das bisher in Üsküdar. Und vor allem muss ich noch ein wenig reisen: Izmir im Frühsommer. Nochmal nach Ölüdeniz. Vielleicht Bursa. Und sonst auch noch einiges, aber sicherlich nicht mehr dieses Jahr. Denn ich habe nur noch zwei Monate.

Bis eingeschlossen Dezember oder Januar konnte ich es mir nicht vorstellen, weitere Jahre in Istanbul zu verbringen. Mit jedem Tag, den ich hier verbringe, wünsche ich mir mehr, dass ich nochmal die Möglichkeit bekomme, für längere Zeit in Istanbul zu bleiben. Ich habe mich an alles hier gewöhnt – und trotz eigentlich geringerem Lebensstandard habe ich hier ein glückliches Leben. Deutschland wirkt für mich hier irgendwie weit entfernt, da ich zu keiner Zeit in Deutschland so zufrieden mit meiner Gesamtsituation war wie ich es hier bin.

Keine Angst: Ich muss und werde auch nach Deutschland zurückkehren, um mein Studium zu beenden, dann eventuell einen Master zu machen oder auch erste Erfahrungen im Arbeitsleben zu sammeln. Und ich bin auch sehr glücklich, die Leute wiederzusehen, die mir am Herzen liegen, aber ihr Leben in der Heimat haben. Und natürlich auch meinen Hund, nicht zu vergessen. Aber trotzdem ist Istanbul jetzt mein Zuhause. Ich bin endlich hier angekommen.