Sechster September

Istanbul

Es ist der Samstagmorgen nach den Finals, und ich sitze in meinem Zimmer hier in Mecidiyeköy, Fenster offen, Sonnenschein, höre die Möwen gackern, Geräusche von der Straße und hin und wieder Menschen sprechen. Dazu ein frisch gebrühter Kaffee, europäische Art. Mein Studium hier ist nun offiziell vorbei und es beginnt die Zeit des Abschiedsnehmens von Istanbul. Ich habe ewig gehadert mit diesem Blogpost, einerseits, weil ich noch nicht Abschied nehmen wollte und andererseits, weil er sehr persönlich ist – für mich jedenfalls. Ich habe noch so viele Ideen für Blogposts, schon einige Entwürfe fertig, aber manchmal brauchen diese einfach den richtigen Zeitpunkt, um veröffentlicht zu werden. Und das fühlt sich jetzt gerade richtig an.

Ich schaute letztens durch die Fotos, die auf meinem iPhone gespeichert sind, da ich es für die bessere Alternative zum Lernen hielt. Bis ich irgendwann zu dem Foto vom 6. September 2015 kam – das Foto, das in Düsseldorf am Flughafen entstand. Dort, wo mein Abenteuer Istanbul begann, mit einigen Tränen in den Augen, aber auch ganz viel Vorfreude. Knapp ein Jahr in einer Stadt, die ich nie zuvor gesehen hatte, aber für ganz viel Chaos bekannt war. Ich hätte nie gedacht, dass ich solch eine Entscheidung treffen würde. Ein Glück, dass Istanbul so gut zu mir war und diese Entscheidung bisher eine der besten in meinem Leben ist. Eine, die mich von dem Menschen entfernt hat, die ich auf dem Foto vom letzten September war.

Istanbul hat mir viel beigebracht. Jetzt würde ich meine Zeit hier weniger ein Abenteuer nennen, sondern eher eine Lektion – und das meine ich ohne jede mögliche negative Konnotation. Ich habe gelernt, wie ich riesige Kreuzungen mit chaotischem Verkehr am schnellsten sicher überquere. Und wie ich mich am schnellsten durch große Menschenmengen bewege (Stichwort: Istiklal). Mit 10l-Wasserfässern kleine Flaschen (500ml) zu befüllen. Wie ich mit einer Caffettiera Kaffee koche. Und Tee mit einem Teekessel. Ich habe gelernt, mir keine Gedanken um meine Ernährung zu machen, sondern einfach zu genießen. Ich habe Tavla spielen gelernt. Ich habe einiges über Finanzkrisen gelernt, über die Weltwirtschaft und Ungerechtigkeit. Ich habe immer wieder gelernt, Abschied zu nehmen. Ich kann jetzt Verantwortung für mich selbst übernehmen. Sorgsam sein. Ich bin sehr viel gelassener geworden. Und kann kleine Krisen selbst überwinden. Ich habe ein wenig Smalltalken gelernt, dennoch ist da immer noch genug Luft nach oben. Ich habe gelernt, Dinge ernst zu nehmen – und andere ein wenig lockerer zu sehen. Ich habe gelernt, alleine zu sein. Ich weiß nun, was richtig gute Freundschaft bedeutet! Und dass diese manchmal schwieriger ist als jede andere Art der Beziehung. Aber vor allem habe ich in Istanbul eines gelernt: Ich bin okay, so wie ich bin.

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