Studieren in der Türkei – ein Vergleich

Istanbul

Der Hauptgrund für meinen Istanbulaufenthalt ist natürlich mein Studium an der Istanbul Üniversitesi. Die Sache ist eben, dass ich darüber noch nicht besonders viele Worte darüber verloren habe. Anfangs bedeutete Uni mit allen Angelegenheiten nämlich nur eins: Stress. Und dann wurde es irgendwann normal. Bis ich jetzt realisieren muss, dass dieser Normalstatus nur noch 4 Wochen für mich gilt. Und er sich von meinem Alltag in Bielefeld in doch einigen Punkten unterscheidet.

Generell studiere ich recht ähnliche Fächer in beiden Städten: International Studies in Management in Bielefeld, und Business Administration in Istanbul. Beides würde ich kurz und knapp mit „BWL auf Englisch“ übersetzen. Stimmt so natürlich nicht hundertprozentig, aber so bekommt man wenigstens eine passende Vorstellung von dem, was ich überhaupt mache.

Die Universität in Istanbul wurde 1453 gegründet und ist somit eine der ältesten auf europäischem Kontinent. Die Business School (Isletme Fakültesi) ist eine von zwei Fakultäten auf Englisch, bedeutet: Mindestens 50% aller gehaltenen Kurse sind auf Englisch. Wobei das Level meiner türkischen Kommilitonen von fließend bis yok reicht. Die Business School ist leider nicht auf dem Hauptcampus in Beyazit (das Foto oben zeigt das Eingangstor, nahe des großen Basars), sondern 30km westlich des Taksims, in Avcilar, noch hinter dem Atatürk-Flughafen. Bedeutet etwa 1,5h Fahrt mit dem Metrobus, immer wenn ich zur Uni muss. Pünktlichkeit ist ist meist ein Nice-to, aber kein Must – da bin ich als Zeitchaot und vorallem Morgenmuffel etwas bequem geworden. Passiert aber von Seiten der Profs auch regelmäßig. Ich erinnere mich nur in Deutschland an die strafenden Blicke, als ich um 08:03 Uhr das Rechnungswesen 1-Seminar betrat… ja, die Unterschiede fangen schon an, bevor die Vorlesungs überhaupt startet. Je nach Laune der Profs wird dann meist mit etwas Small Talk gestartet, ein bisschen über die letzte Stunde reden, und dann geht es eigentlich auch schon ziemlich schnell los. Die Art der Vorlesung hängt ganz stark vom Professor, der Kursgröße und auch vom Inhalt ab, da kann man nicht generell sprechen.

Hier in Istanbul habe ich pro Semester zwei Klausurenphasen, wie eigentlich fast überall auf der Welt: Midterm-Klausuren und Finals. Und Projekte, die dazwischen abgegeben werden und/oder präsentiert werden müssen. Der zeitliche Aufwand sollte daher nicht unterschätzt werden, denn Studieren in der Türkei heißt leider nicht Nichts-Tun. (Es sei denn, ihr seid an der Law-Fakultät als Erasmus-Student…) Das alles hängt aber auch von den Bedingungen der Hochschule in Deutschland ab, denn da stellen alle unterschiedliche Anforderungen. Ich muss hier mindestens einen Kurs mehr pro Semester belegen, letztes Semester waren es sogar zwei. Und ich muss auch alle Kurse bestehen. Wobei das keine allzu hohe Herausforderung darstellt, da der Stoff in der Regel nicht in die Tiefe geht, sondern einfach viele Dinge angerissen werden. Daher hatte ich hier bisher auch recht viele Multiple-Choice Klausuren im Vergleich zu Deutschland. Die Benotung findet an unserer Uni nach amerikanischem System statt: Die besten 10% bekommen ein A, folgenden 25% ein B, die darauffolgenden 35% ein C, folgende 25% ein D und danach ist man dann durchgefallen: F. Oder man hat unter 60 von 100 Punkten, dann ist man auch durchgefallen. Wie genau das dann aber alles umgerechnet wird, werde ich dann erst zurück in Bielefeld erfahren.

Auf unserem Campus gibt auch eine Mensa, aber die Qualität des Essens ist in der Regel eher fragwürdig. In der Kantine in unserer gibt es dafür aber Tost! Ich bin leider etwas verrückt nach diesen getoasteten Weißbrot-Käse-Sünden, aber glücklicherweise habe ich dieses Semester ja nur drei Tage die Woche an der Fakultät… Ansonsten ist das Gebäude ziemlich alt und irgendwie ranzig und Toilettenpapier gibt es aus Prinzip nicht. Dafür kann man dann aber Taschentücher in der Kantine oder am Automaten kaufen, für 50 Kurus pro Packung. Oft gibt es Veranstaltungen von den verschiedenen Clubs an unserer Fakultät, bei denen Essen angeboten wird oder Musik läuft und man sich ein paar Dinge anschauen kann. Und ich finde, das fehlt in Deutschland so ein bisschen…

Die gesamte Stimmung an der FH in Deutschland ist formaler oder strenger. Das Verhältnis zu den Professoren ist weniger freundschaftlich (wir waren in Istanbul auch schon mit Professoren Samstagabends feiern!) und zwischen den Studenten herrscht gefühlt mehr Konkurrenz . Dafür muss man nicht für eine Kopie 45 Minuten warten…

Ich kann nicht sagen, ob ich das Studium in Deutschland oder in der Türkei besser finde. Alles hat seine Vor- und Nachteile, und obwohl dieser Post etwas abschreckend klingen könnte, komme ich trotz gewöhnungsbedürftiger äußerer Umstände mehr oder minder gerne in die Fakultät. Gerade die Kurse aus dem vierten Jahr interessieren mich und die Leute sind auch gut drauf, meist inklusive Professoren. Ich werde meine letzten Tage an der Business Administraton-Fakultät also hoffentlich genießen und sofern noch Fragen offen sind, freue ich mich natürlich über Kommentare oder Nachrichten. Und jetzt widme ich mich wieder meinem letzten offenen Projekt – güle güle!

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Ein Gedanke zu “Studieren in der Türkei – ein Vergleich

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